Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag
Theaterzettel zur Wiener Erstaufführung von Da Pontes/Mozarts Don Giovanni, Wien 7. Mai 1788. (ÖNB Musiksammlung)
L'arbore di Diana, Text: Lorenzo Da Ponte. Musik: Vicente Martín y Soler. Librettodruck. Wien, 1787. (Uraufführung: Wien, Altes Burgtheater, 1. Oktober 1787). (ÖNB Musiksammlung)
La pace tra Amore ed Imeneo, Text: Anonym. Musik: anonym. Librettodruck. Florenz 1787. Hochzeitskantate für Maria Teresa Erzherzogin von Österreich, Prinzessin von Toskana und Prinz Anton von Sachsen (Don Juan Archiv Wien, Collectio Ernestea Sezzatense)

Stoffgeschichte


Auf Don Juans Spuren

 

Zu Rezeption und Transformation der Stoffgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert

H. E. Weidinger / M. J. Pernerstorfer

 

Die Wanderschaft Don Juans von seinen Ursprüngen im Spanien des frühen 17. Jahrhunderts über Italien und Frankreich nach England und ins Heilige Römische Reich, dann in der Folge ins gesamte Europa und am Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Übersee zu verfolgen, ist ein kompliziertes Unterfangen. Hier wird die Geschichte bis zum Don Giovanni von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadé Mozart (UA: Prag 1787) in ihren Hauptzügen skizziert, um die lange, den Autoren stets bewusste Tradition sichtbar zu machen, in der diese „Oper aller Opern“ ebenso steht wie Gasparo Angiolinis ballet-pantomime Le festin de pierre mit der Musik von Christoph Willibald Gluck (UA: Wien 1761).

 

Spanien

Auf dem Titelblatt des frühesten Drucks eines Don-Juan-Stücks ist zu lesen: El Burlador de Sevilla y Convidado di piedra, comedia famosa dal Maestro Tirso de Molina. Bereits dieser Doppeltitel enthält die beiden wesentlichen Elemente, durch die ein dramatisches Werk als Teil der Don-Juan-Tradition aufzufassen sein wird: eine Don-Juan-Figur, in diesem Fall als „Spötter“ oder „Betrüger“ bezeichnet, und einen steinernen Gast. Eines oder das andere allein genügt nicht.

Die Einladung an einen Toten bzw. das Gastmahl mit ihm ist in populären Traditionen aus ganz Europa bekannt. Auf wen die Don-Juan-Figur historisch zurückgeht, ist umstritten, doch spricht vieles für Don Juan de Austria (1547–1578), Kaiser Karls V. unehelichen jüngsten Sohn, der als erfolgreicher Befehlshaber der spanischen Flotte im Kampf gegen die Osmanen zu Ruhm gelangte.

Ob der Mercedariermönch Tirso de Molina (Gabriel Téllez, 1579–1648) als Autor der ersten gedruckten Fassung angesprochen werden kann, ist ebenfalls nicht völlig gesichert, denn die Angaben zu Druckort (Barcelona), Verleger (Gerónimo Margarit), und Druckjahr (1630) wurden von der Forschung als fingiert erwiesen und auf Sevilla, den Verleger Manuel de Sande sowie die Jahre 1627/29 korrigiert; das Stück selbst dürfte kurz vor 1615 verfasst und aufgeführt worden sein. Überzeugende Alternativen zu Tirsos Autorschaft wurden bislang nicht vorgebracht; im späten 17. Jahrhundert liest man gelegentlich von Lope de Vega, im 18. Jahrhundert bisweilen von Calderón, dem auch ein mit Tan largo me lo fias betiteltes, auf ca. 1635 datiertes Don-Juan-Stück zugeschrieben wird. Aus dem Burlador de Sevilla und Tan largo me lo fias lässt sich der Text des ursprünglichen Stückes näherungsweise erschließen.

Das älteste Zeugnis seiner Existenz findet sich allerdings nicht in Spanien, sondern im Süden Italiens – im spanischen Vizekönigreich Neapel, wo von spanischen Truppen in spanischer Sprache gespielt wurde: ein Notariatsakt vom 21. Oktober 1625 aus Neapel nennt als Teil des Inventars des Teatro di San Bartolomeo „un canale di castagno per far scendere il convitato di pietra“, also eine Schiene aus Kastanienholz, um den steinernen Gast „herunterzufahren“.

 

Italien

Don Juan landet also zuerst in Neapel – Zufall, dass auch die erste Szene in Tirsos Stück am Königlichen Palast von Neapel spielt. Im Unterschied zum spanischen Theater des „Siglo de oro“, dessen Stücke, zumeist von Geistlichen verfasst, schriftlich vorlagen und in der Regel gedruckt wurden, lebte das populäre italienische Theater von der Improvisation – die Commedia dell’arte kennt keine schriftliche Festlegung eines zu sprechenden Textes, und ihre Stücke sind uns als Inhaltsangaben („Szenare“) bekannt, die von Truppe zu Truppe variieren. Dies gilt auch für die ältesten, in einer römischen Sammlung überlieferten Don-Juan-Stücke, die den Jahren zwischen 1620 und 1642 angehören – Il Conuitato di Pietra sowie, als verwandtes Thema, L’Ateista Fulminato und, einen anderen Aspekt des Don-Juan-Kreises behandelnd, La forza d’Amore con la Turca costante –, sowie für ein hypothetisch auf 1657 datiertes Florentiner Szenar.

Im Jahr 1652 finden wir die erste Erwähnung eines Druckes: erneut in Neapel, unter dem Titel Il Convitato di Pietra. Rappresentazione morale und dem Juristen Onofrio Giliberto aus Solofra zugeschrieben. Der Druck ist zwar bibliographisch nachgewiesen, aber es konnte bislang kein Exemplar aufgefunden werden. Giliberto hat mit seiner Version – wohl im Stile der Commedia dell’arte – die neapolitanische Linie der Don Juan Stücke begründet, die jedenfalls bis in die 1820er Jahre immer wieder neue Bearbeitungen hervorgebracht hat. Diese weisen weder an der Szenenfolge noch am Grundtext Änderungen auf: Andrea Perruccio nahm Modernisierungen vor (gedruckt 1678) und führte unter dem Anagramm Enrico Preudarca lange Prunkreden ein (gedruckt 1690). In seinem Il nuovo convitato di pietra verkürzte Michele Abri diese wieder und brachte sie in Versform (gedruckt 1720), und Francesco Cerlone modernisierte nach anderthalb Jahrhunderten den Dialekt der „niederen“ Charaktere (Don Juans Diener, Fischer und Bauern) (gedruckt 1789). Die jüngste bekannte Bearbeitung dieser Tradition ist eine handschriftliche Spielvorlage unter dem Titel Il Gran Convitato di Pietra, ossia D. Giovanni Tenorio für Aufführungen in Neapel (Teatro della Fenice, Teatro di San Carlino), die auf dem Deckblatt Zensurvermerke aus den Jahren 1821 und 1822 trägt.

Hat sich eine eigenständige Don-Juan-Tradition in Neapel etabliert, so ist eine weitere für Oberitalien nachzuweisen. Sie geht auf den bekannten Florentiner Autor Giacinto Andrea Cicognini, den „toskanischen Terenz“, zurück, der seinen ersten Convitato di pietra im Karneval 1631 in Florenz und im Frühling desselben Jahres in Pisa aufführte. Der früheste bekannte Druck von Cicogninis Stück, zugleich der früheste erhaltene Druck eines italienischen Don-Juan-Stücks überhaupt, stammt aus Venedig und wurde 1663 in Rom verlegt. Bis 1787 ist fast ein Dutzend Nachdrucke (mit orthographischen Modernisierungen und neuen Vorworten) für Bologna, Padua und vor allem Venedig nachgewiesen. Cicogninis Werk stellt die bekannteste italienische Version dar: wenn in der italienischsprachigen Kultur- und Theaterwelt des 18. Jahrhunderts vom „Steinernen Gast“ gesprochen wurde, so war damit Cicogninis Variante gemeint.

Carlo Goldoni hat offensichtlich beide Traditionen – die neapolitanische wie die von Florenz ausgehende oberitalienische – gekannt: er verbindet jede mit einem Namen – Giliberto und Cicognini – und meint, zwischen den beiden bestehe kein allzu großer Unterschied; dies läßt sich bestätigen. Er spricht davon im Vorwort zu seinem eigenen, 1736 in Venedig erstmals aufgeführten und 1754 in Florenz gedruckten Don Giovanni Tenorio. O sia Il dissoluto. Sein eigenes Stück, das entgegen der Gattungsbezeichnung „Commedia“ eher als Tragödie zu bezeichnen wäre, verknüpft er formal mit der französischen Tradition, die er ebenfalls kennt: er schreibt ein fünfaktiges Stück in Versen, aus dem er die lustige Person entfernt und worin er die Figur der Donn’Anna in den Mittelpunkt rückt. Als Mann der Aufklärung hält er nichts von Statuen, die sprechen und Besuche machen, und lässt das Gastmahl zwischen Lebenden stattfinden – im Beisein Donn’Annas; am Standbild des toten Komturs wird Don Giovanni vom Blitz erschlagen – wie seinerzeit der Ateista fulminato. Im Jahr 1776 wird Nunziato Porta in der ersten Don-Juan-Oper des „donjuanistischen Jahrzehnts“ Goldonis Text und die Zentralisierung Donn’Annas aufgreifen – am Ende des Jahrzehnts wird Lorenzo da Ponte daraus jene Gestalt Donn’Annas entwickeln, in der sie dem größten Teil des Publikums bekannt ist.

Dieser Vorgriff auf die Don-Juan-Opern bringt uns in die vierte Stadt Italiens mit einer eigenen Don-Juan-Tradition – nach Rom: hierher gehört die erste Don-Juan-Oper ante litteram, die 1669 im Palazzo Colonna im Borgo des Vatikans vor einem illustren Publikum geboten wurde: L’empio punito von Filippo Acciauoli und Musik von Alessandro Melani. Sie trägt zwar weder Don Juan noch den steinernen Gast im Titel, gehört aber – wenngleich in antiker Einkleidung – ebenfalls zu dieser Tradition. Wie der Maler Salvator Rosa, Augenzeuge der Aufführung, berichtet, habe Christina von Schweden auf die Frage des Hausherrn, wie ihr denn das Werk gefallen habe, geantwortet: „Je nun, es ist der Steinerne Gast“. Rom wird auch jene Stadt sein, in der die letzte Don-Juan-Oper vor jener von Da Ponte / Mozart zur Uraufführung kommt: Il convitato di pietra im Herbst 1787 im noch heute bespielten Teatro della Valle – Goethe erzählt vom Erfolg des Werkes in seiner Italienischen Reise.

 

Frankreich

Eine Reise in die andere Richtung unternehmen 130 Jahre davor jene italienischen Komödianten – die Gesellschaft des Domenico Locatelli, genannt Trivellino (in Frankreich Trivelin) –, mit denen Don Juan 1658 nach Frankreich wandert – möglicherweise auf Basis des bereits genannten Florentiner Szenars. Il Convitato di pietra war jedenfalls ein Riesenerfolg und wurde für ein Jahrzehnt das interessanteste Bühnensujet in Frankreich – durch die französischen Autoren erfolgte eine formale Annäherung an das klassische französische Modell. Es kam, vereinfacht gesagt, zur Einführung der drei Einheiten (Zeit, Raum und Handlung), zur Gliederung in fünf Akte sowie zu einer Versifizierung. Ein Detail änderte sich auch im Titel: aus dem spanischen combidado und dem italienischen convitato, „Gast“, wurde festin, „Gastmahl“ – statt eines steinernen Gastes war plötzlich das ganze Gastmahl steinern – als Don Juan in die Länder deutscher Sprache einwandert, bleibt es dabei.

Nicolas Drouin, genannt Dorimon, brachte 1658 seinen Le festin de pierre, ou Le fils criminel vor dem Hof in Lyon auf die Bühne (gedruckt 1659). Im darauffolgenden Jahr wurde in Paris eine Bearbeitung von Dorimons Stück durch Claude Deschamps, genannt Sieur de Villiers, gegeben (1660): Le festin de pierre, ou Le fils criminel (gedruckt 1661). Diese hält sich eng an die Vorlage und zeichnet sich durch eine Zuspitzung der Brutalitäten aus – von ihrem Verfasser wurde sie dreist als Neuübersetzung eines italienischen Originals ausgegeben. Es war zumeist Villiers’ Stück, das den deutschen Komödianten des 18. Jahrhunderts als Vorlage diente.

Molières Dom Juan, ou Le festin de pierre – ganz entgegen den französischen Konventionen ein Prosastück – setzt sich durch die Gestaltung der Titelfigur, die als Weiterführung seines Tartuffe aufgefasst werden kann, davon deutlich ab. Molière schrieb das Stück 1665, brachte es im selben Jahr zur Aufführung, gab es aber nicht zum Druck. Als es wieder auf die Bühne kam, geschah dies in einer Versbearbeitung von Thomas Corneille (gedruckt 1677; in dieser Fassung wurde es bis 1847 an der Comédie française gespielt). Erst 1682 wurde der Molière-Text in Paris sowie in einer längeren, minder zensurierten Fassung in Amsterdam zum Druck gegeben. Keine der beiden Fassungen kann den Anspruch erheben, eine autorisierte Fassung des Autors zu sein, und ganz abgesehen davon wurde in Molière-Gesamtausgaben bis 1693 die Version von Dorimon unter Molières Namen gedruckt.

Als letzter französischer Autor, der in den 1660er Jahren den Don-Juan-Stoff aufgriff, ist Jean-Baptiste du Mesnil, genannt Claude La Rose, Sieur de Rosimond, zu nennen. Dieser forcierte wieder das Element der Gewalt in seinem Le nouveau festin de Pierre des Jahres 1669 (gedruckt 1670 in Paris). In England schuf, diese Entwicklung weiterführend, Thomas Shadwell einen besonders blutrünstigen Exponenten Don Juans in der Tragödie The Libertyne von (1674), deren Lieder und Chöre für Aufführungen im Jahr 1692 von Henry Purcell vertont wurden.

 

Heiliges Römisches Reich

Im Heiligen Römischen Reich wird Don Juan zum vierfachen oder siebenfachen Mörder – und bleibt das bis ins Puppenspiel des 19. Jahrhunderts. In der Haupt- und Residenzstadt Wien brachten zuerst 1660 – ähnlich wie in Frankreich – italienische Komödianten einen Convitato di pietra auf die Bühne, ohne mit dieser Aufführung (freilich in italienischer Sprache) eine Tradition zu begründen. Immerhin war der Auftritt für die Compagnie des Fabrizio d’Orso vor Kaiser Leopold I. ein voller Erfolg, besonders für den Arlecchino der Truppe, Domenico Biancolelli, dem künftigen Publikumsliebling der italienischen Truppe in Paris.

1674, vierzehn Jahre nach dem ersten Convitato di pietra am kaiserlichen Hof zu Wien wird im deutschen Sprachraum erstmals am kurfürstlichen Hof zu Dresden „Das Steinerne Gastmahl“ gegeben – es war „Molière“ (d.h. wohl Dorimon) in französischer Sprache; ebenfalls in Dresden kommt Molière 1684 erstmals in deutscher Sprache auf die Bühne.

Aus dem Heiligen Römischen Reich sind es in erster Linie Theaterzettel und Spielplanverzeichnisse, die über die Wahl der Vorlagen und die Art der Rezeption des Stoffes informieren. Texte, seien es Szenare oder ausgeschriebene Stücke, sind nur vereinzelt und ausschließlich aus dem Süden des Sprachgebiets bekannt: aus Salzburg, Wien und Linz. Der älteste Textzeuge, wohl ins 17. oder frühe 18. Jahrhundert zu datieren, scheint der Donn Joann der Laufener Salzach-Schiffer zu sein, erhalten in Form einer Abschrift aus dem Jahre 1811 für die bayrische Zensur.

Der Beginn der Wiener Don-Juan-Tradition wird in der Regel mit jenem Don Juan angesetzt, in dem der später als Wienerischer Hanswurst berühmt gewordene Gottfried Prehauser 1716 debütierte. Doch erst, nachdem 1752 auf dem Hofburgtheater Molières Dom Juan in Corneilles Bearbeitung gespielt worden war, dürfte es ab 1753 am Kärntnerthortheater regelmäßig stattfindende Aufführungen des „Steinernen Gastmahls“ gegeben haben; das Stück wird häufig Gottfried Prehauser zugeschrieben. Von 1758 bis 1763 lassen sich kontinuierlich Aufführungen in der Allerseelenoktav nachweisen, in der das Publikum Geister auf der Bühne zu sehen erwartete (der Allerseelentag war ja der traditionelle Tag des Gedenkens, in früher Zeit auch der Wiederkehr der Toten bzw. ihrer Geister); als Don Juan ist für die Jahre 1758 und 1759 Johann Joseph Felix von Kurz, genannt Bernardon, nachgewiesen. Textzeugen sind der 1760 in Wien anonym erschienene „Ariendruck“ sowie ein Szenar, das Kurz in Druck gab, als er Wien nach der Spielzeit 1760 verließ und als Prinzipal mit seiner eigenen Gesellschaft in den Ländern des Heiligen Römischen Reichs unterwegs war. Angiolini und Gluck konnten jedenfalls Vertrautheit wie Interesse des Publikums am Don-Juan-Stoff voraussetzen, als ihre vollständig neue Version im Oktober 1761 Premiere hatte (sie blieb bis zum Ende des Spieljahres im Repertoire und wurde im Frühjahr 1763 neu herausgebracht).

Ende der 1760er Jahre, als mit Friedrich Wilhelm Weiskern (1768) und Gottfried Prehauser (1769) zwei der wesentlichen Protagonisten der improvisierten Komödie aus dem Ensemble des Kärntnerthortheaters verstorben waren, wurde jegliches Stegreifspiel verboten – dies traf auch Das steinerne Gastmahl. Der Dramatiker Gottlieb Stephanie der Jüngere (bekannt als Librettist von Mozarts Entführung aus dem Serail) verfasste deshalb Macbeth, oder Das neue steinerne Gastmahl (1772), das bis 1776 in der Allerseelenoktav gegeben wurde.

Mit einem Don-Juan-Stück wird die Tradition 1783 fortgesetzt. Nun aber im Theater in der Leopoldstadt, einer Vorstadtbühne, für die Direktor Karl von Marinelli einen Dom Juan, oder Der steinerne Gast verfasste, „nach Molieren, und dem spanischen des Tirso de Molina „el Combidado de piedra“ für dies Theater bearbeitet mit Kaspars Lustbarkeit.“ Da Ponte und Mozart dürften beide diese Version gekannt haben.

1787, im Jahr der Prager Uraufführung ihrer Oper, wird in „Frankfurt und Leipzig“ (fingierten Druckorte für Linz und Wien) Don Juan oder der steinerne Gast gedruckt: das Stück wird ebenfalls regelmäßig zur Allerseelenoktav aufgeführt – in Linz, wo sein Autor, der ehemalige Schauspieler Anton Cremeri, als Theaterzensor lebt.

 

Ballett

Gasparo Angiolinis Don Juan, ou Le festin de pierre mit der Musik von Christoph Willibald Gluck (UA 17. Oktober 1761) war nicht die erste tänzerische Beschäftigung mit dem Sujet (Frankreich 1684), aber die bei weitem wirksamste – sie kam einer Revolution gleich und begründete das „ballet d’action“ – das Handlungsballett. Es stellt eine Zäsur nicht nur in der Geschichte des Balletts, sondern auch in der Rezeptionsgeschichte des Don-Juan-Stoffes dar, denn es löste einen wahren Boom an Don-Juan-Balletten aus; von 1763 bis 1800 wurde es von mehr als 40 Choreographen in wohl über 100 Aufführungsserien auf die Bühne gebracht.

 

Oper

Und dieser Große Erfolg hatte wiederum Konsequenzen für die Oper: Obwohl davor nur L’empio punito von Filippo Acciaiuoli und Alessandro Melani (Rom 1669) und La pravità castigata von Antonio Denzio mit Musik von verschiedenen Komponisten (Prag 1730; Brünn 1734; Straßburg 1749) bekannt sind, entstehen nun binnen zehn Jahren gleich acht Opern zu diesem Stoff, die teilweise Aufführungen in mehreren Städten erlebten. Den krönenden Abschluss stellt der Don Giovanni von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadé Mozart dar. Da Pontes Libretto erweist seinen Dichter als einen hervorragenden Kenner der Don-Juan-Tradition; auch Mozart kannte mehrere Versionen, und er lernte bereits im Oktober 1762 als noch nicht Siebenjähriger in Wien Glucks Musik zu Angiolinis Le festin de pierre kennen.

 

 

[Zuerst abgedruckt in: Don Juan. Programmheft. Staatsballett Berlin 2014, S. 20–26.]

 

Letztes Update: 27.11.2014
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