Ausgangspunkt der Handlung des 30jährigen ABC-Schütz ist stets, dass der Bauer Hannswurst (bzw. Kaspar) durch einen Goldfund plötzlich reich geworden und mit seinen Kindern nach Wien gezogen ist, wo er sich als reicher Edelmann ausgibt. Aufgrund dieser neuen sozialen Stellung soll sein dreißigjähriger Sohn, der je nach Version Bernardon, Jackerl oder Taddädel heißt, lesen und schreiben lernen - woher das Stück seinen Titel hat -, und er soll Rosaura, die Tochter eines verarmten Edelmannes, heiraten. Das missfällt aber dem ABC-Schützen, da er in Colombina (bzw. Katherl), eine Haubenhefterin, verliebt ist. Rosaura wiederum ist selbst verliebt, und so kommt es zu Intrigen gegen die Eltern, die am Ende eine Heirat der Liebespaare, deren Zahl in drei Version noch erhöht ist, ermöglicht.
Versionen
Es ist durchaus vorstellbar, dass die Tradition des 30jährigen ABC-Schütz auf italienische oder französische Stücke zurückgeht, doch ist eine eindeutige Identifizierung einer solchen Vorlage (Vi bzw. Vf) bislang nicht gelungen. So steht - bis vielleicht doch eine Vorlage gefunden wird - am Beginn der überschaubaren Tradition Johann Josef Felix von Kurz (1717-1784). Eine Abschrift (einer) seiner Version(en) findet sich in einer Sammelhandschrift der Österreichischen Nationalbibliothek (Cod. 13.193). Sie trägt den Titel Bernardon, Der 30,,iährige A,b,c Schütz: oder Hanswurst der reiche Baur und Pantalon der arme Edelmann (h1). Die Autorschaft gilt aufgrund der Anmerkung "verfertiget von Herrn Josef v[on]. Kurz" gesichert; datiert ist der Text auf das Jahr 1754. In h1 sind keine Arien überliefert.
Dieselben Angaben zu Autorschaft und Datierung wie in h1 sind auf zwei Manuskripten mit dem Titel Bernardon der dreissigjährige A.B.C. Schütz und glückliche Liebhaber von der schönen Haubenhefterin in Wien zu lesen (h2.1 und h2.2). Obwohl bislang nicht zufrieden stellend diskutiert ist, ob h2 ursprünglich auf Kurz zurückgeht, wird diese Zuweisung meist bestritten, da es sich bei beiden Exemplaren, sowohl bei dem der Wienbibliothek im Rathaus (h2.1) als auch bei dem bislang nicht berücksichtigten der Theaterzensur-Abteilung des Niederösterreichischen Landesarchivs in St. Pölten (h2.2), um Theatermanuskripte aus dem 19. Jahrhundert handelt.
Im Jahre 1766 erschien ohne Angabe zur Autorschaft bei "Joseph Kurzböken Universitäts=Buchdrukern auf dem Hofe" eine von h1 abhängige Bearbeitung des Stücks mit dem Titel Hr. von Eselbank der dreyßig=jährige A. B. C. Schütz, Und glückliche Liebhaber von der schönen Haubenhefterin in Wien (D1). In zwei Exemplaren der Wienbibliothek im Rathaus (WB A 15611 1. Ex.) und der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB 294.492 A) ist mit Bleistift Friedrich Wilhelm Weiskern (1733-1768) als Autor notiert, was jedoch nicht mehr als ein Indiz für eine Zuschreibung darstellt.
Ausgehend von D1, doch sehr frei damit umgehend, schrieb im Jahre 1799 Karl Friedrich Hensler (1759-1825) seine erfolgreiche Version des Stücks: Taddädl der dreyssigjährige A B C Schütz (D2.1). Gedruckt wurde "mit Schmidtischen Schriften", und noch im selben Jahr erschien eine durch ein Titelkupfer geschmückte zweite Auflage (D2.2). Wenzel Müller (1767-1835) komponierte die Musik, die in Münchener, Prager und Wiener Partituren erhalten ist.
Belegt, doch wahrscheinlich nicht erhalten ist eine Bearbeitung von D2 durch Friedrich Ernst Hopp (1789-1869). In dieser trat Johann Nestroy (1801-1862) von 1839 bis 1849 in der Rolle des Thaddädl auf.
Quellen
Ein Blick auf die Liste der Textzeugen zum 30jährigen ABC-Schütz zeigt eine bunte Vielfalt aus Manuskripten, Drucken und Partituren, die den Text einer der Versionen des Stückes und/oder die Arien überliefern. Die Textzeugen zum 30jährigen ABC-Schütz tragen unterschiedliche Titel, sind mit oder ohne Nennung eines Autors, geschrieben oder gedruckt und weisen somit implizit auf die Offenheit eines Textes für das populäre Theater im Wien des 18. Jahrhunderts hin.
Zwei Versionen des Stückes sind in handschriftlicher Form erhalten und waren offensichtlich als Textgrundlage für Theateraufführungen gedacht - h1 und h2 (in zwei Handschriften überliefert). Die beiden Versionen, die gedruckt vorliegen - D1 und D2 (zwei Drucke) -, dienten ebenfalls diesem Zweck, doch wurden die Drucke selbst auch für ein Lesepublikum produziert. Das ist besonders schön in der zweiten Auflage von D2 zu sehen, die im Gegensatz zum Erstdruck ein Titelkupfer aufweist, was gegen Ende des 18. Jahrhunderts bei Drucken für ein Lesepublikum gebräuchlich war.
Neben den Stücktexten liegen Gesangseinlagen (Arien, Duette, Terzette etc.) ebenfalls in handschriftlicher oder gedruckter Form vor. Zu unterscheiden sind dabei jene aus der Zeit der Ariensammlung - As1, As2, DAh, D1 -, deren Autorschaft bislang nicht geklärt werden konnte, und jene von Karl Friedrich Hensler (1759-1825, Text) und Wenzel Müller (1767-1835, Musik) - D2, D2Ah sowie die Partituren.
Manuskripte
As1 In der | Comoedie | genannt | Colombina | die glücklich gewordene | Hauben Hefterin, | Oder | Bernardon | Der dreyssig jährige | A. B. C. = Schütz. (Wiener Handschrift der Ariensammlung, Bd. IV, Nr. 191)
Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 12709, S. 51-57.
As2 In der Comödie | genannt | Colombina | die glücklich gewordene Haubenheftern | oder | Bernardon | der dreyssigjährige A.B.C. Schütz. (Weimarer Handschrift der Ariensammlung, Bd. IV, Nr. 189)
Anna Amalia Bibliothek, Weimar, HAAB Q 592 c [4] (keine Seitenzählung)
h1 Bernardon, | Der | 30,,iährige A,b,c Schütz: | oder | Hanswurst der reiche Baur | und | Pantalon der arme Edelmann | verfertiget | Von Herrn Joseph Kurz. | 1754.
Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13.193, S. 41r-61r
Einleitung zu h1 / Edition des Textes / Bildergalerie
h2.1 Bernardon | der dreissigjährige A.B.C. Schütz | und |glückliche Liebhaber | von | der schönen Haubenhefterin | in Wien. | verfertiget von | Herrn | Josef v. Kurz. | 1754. (Manuskript des Schauspielers Ludwig Gottsleben, voraussichtlich 1892)
Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 49510, 76063 Ja
Einleitung zu h2.1 / Edition des Textes / Bildergalerie
h2.2 Bernardon | der dreissigjährige A.B.C. Schütz, | und glückliche Liebhaber von der | schönen Haubenhefterin in Wien. | verfertiget von | Josef von Kurz | 1754. (undatierte Handschrift, voraussichtlich 1892)
Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA), Theaterzensur-Abteilung, Textbuch 520/4
Einleitung zu h2.2 / Edition des Textes / Bildergalerie
Drucke
D1 Hr. von Eselbank | der | dreyßig=jährige | A. B. C. Schütz, | Und | glückliche Liebhaber | von | der schönen Haubenhefterin | in | Wien. | ein Lustspiel | von drey Aufzügen | auf dem K. K. Theater aufgeführet. | WIEN, gedrukt und zu finden bey Joseph | Kurzböken Universitäts=Buchdrukern auf dem | Hofe. 1766.
Wienbibliothek im Rathaus, A 15611 2 Exx.
Harvard University, "German and Austrian Drama", Reel 9, No. 366
Einleitung zu D1 / Edition des Textes
D1(Arien) Arien, | so in der neuen | Comoedie | gesungen werden, | Unter dem Titul: | Colombina, | die glücklich gewordene | Hauben=Hefterin, | und | Bernardon, | der 30.jährige | A.B.C.=Schütz.
Harvard University, "German and Austrian Drama", Reel 12, No. 519
D2.1 Taddädl | der dreyssigjährige | A B C Schütz. | Eine Posse mit Gesang in drey Aufzügen, | nach einer Burleske für die Marinellische Schaubühne | bearbeitet | von | Karl Friedrich Hensler. | Die Musik ist vom Herrn Wenzel Müller, | Kapellmeister. | Wien, 1799. | Gedruckt mit Schmidtischen Schriften.
Österreichische Nationalbibliothek, MF 7380 = 3689-A Alt.Mag.
Wienbibliothek im Rathaus, A 12830
D2.2 Taddädl | der dreyssigjährige | A B C Schütz. | Eine Posse mit Gesang in drey Aufzügen, | nach einer Burleske für die Marinellische Schaubühne | bearbeitet | von | Karl Friedrich Hensler. | Die Musik ist vom Herrn Wenzel Müller, | Kapellmeister. | Wien, 1799. | Gedruckt mit Schmidtischen Schriften.
Wienbibliothek im Rathaus, A 144039
Einleitung zu D2.2 / Edition des Textes / Bildergalerie
D2(Arien) Arien und Gesänge | aus | Thaddädl, dem. 30jährigen | ABC=Schütz. | Eine | Posse mit Gesang | in drey Aufzügen | Die Musik ist vom Herrn Kapellmeister | Wenzel Müller. | Frankfurt am Mayn, 1811.
Wienbibliothek im Rathaus, A 112794
Partituren
P.1 Der 30jährige ABC Schütz: Ein Singspiel in drei Aufzügen. Musik von Wenzel Müller. Bearbeitet vom Herrn Hensler. 2 Bde.
Wienbibliothek im Rathaus MH 6547
P.2 Der 30 Jährige A:B:C: Schütz. | Eine Posse in 3 Aufzügen. | bearbeitet von H. Hensler. | die Musik von Wenzl Müller. [1810/1811]
Universitätsbibliothek Frankfurt Mus Hs Opern 411 (1-7)
P3.1 Der | 30jährig A:B:C: | Schütz. | Atto Imo. Von Hensler. | Musick | von | W: Müller [München, ca. 1814] Partitur
Historisches Aufführungsmaterial der Bayerischen Staatsoper, Bayerische Staatsbibliothek St.th. 364-1
Online unter: www.europeana.eu
P3.2 Der | 30jährig A:B:C: | Schütz. | Atto Imo. Von Hensler. | Musick | von | W: Müller [München, ca. 1814] Soufflierbuch
Historisches Aufführungsmaterial der Bayerischen Staatsoper, Bayerische Staatsbibliothek St.th. 364-2
Online unter: www.europeana.eu
P3.3 Der | 30jährig A:B:C: | Schütz. | Atto Imo. Von Hensler. | Musick | von | W: Müller [München, ca. 1814] Ausführliches Szenarium
Historisches Aufführungsmaterial der Bayerischen Staatsoper, Bayerische Staatsbibliothek St.th. 364-3
Online unter: www.europeana.eu
P2.4 Der | 30jährig A:B:C: | Schütz. | Atto Imo. Von Hensler. | Musick | von | W: Müller [München, ca. 1814] Kurzes Szenarium
Historisches Aufführungsmaterial der Bayerischen Staatsoper, Bayerische Staatsbibliothek St.th. 364-4
Online unter: www.europeana.eu
P.4 Müller Václav: Tadaedel der dreissigjährige ABC Schütz. Ein komisches Singspiel in 3 Aufzügen v. Hensler. Die Musik ist v. Wenzel Müller. Sing-Partitur. S. 55, Ms. s.a.
Prag, Nationalmuseum - Museum der tschechischen Musik (Národnà muzeum - České muzeum hudby) Sign. XVI D 24
Zusätzlich zu diesen eigentlichen Texten zum 30jährigen ABC-Schütz sind als Quellen eine Reihe von so genannten Paratexten relevant. Als Paratexte werden - Gérard Genettes Definition[1] für das Theater adaptierend - all jene schriftlichen Quellen bezeichnet, die den Text bzw. die Aufführung eines Stückes "präsentieren" und damit die "Rezeption des Textes" bzw. einer Aufführung steuern. Darunter fallen in erster Linie erhaltene Berichte der Zensurbehörde, Theaterzettel, Zeitungskritiken oder Kommentare von Zeitgenossen, doch auch die Aufmachung der (Manuskripte und) Drucke, die Angabe des Namens des Autors, die, wie gesagt, mitunter fehlen kann, oder der Titel des Stückes, der vielfach variiert.
[1] Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001 (fz. Orig.: Seuils, Paris: Editions du Seuil 1987), S. 9f. "Der Paratext ist [...] jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle oder [...] um ein »Vestibül«, das jedem die Möglichkeit zum Eintreten oder Umkehren bietet". [zurück]
