Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag
21.-22. April 2015, Workshop Vom Aschermittwoch zum Heiligen Grab: Passion und Theater im Barock

Internationaler Workshop

 

Vom Aschermittwoch zum Heiligen Grab

Passion und Theater im Barock

21. April 2015, 13 bis 17 Uhr

22. April 2015, 10 bis 13 Uhr

Don Juan Archiv Wien

Trautsongasse 6/6, 1080 Wien

 

22. April 2015, 15 bis 17 Uhr

Kirche Mariabrunn

Hauptstraße 14, 1140 Wien

 

Organisation, Moderation & Bericht:

Matthias J. Pernerstorfer

 

Bericht

Am 21. und 22. April 2015 fand im Don Juan Archiv Wien ein Workshop zum Thema „Vom Aschermittwoch zum Heiligen Grab. Passion und Theater im Barock“ statt, dessen Abschluss eine Exkursion zur Kirche Mariabrunn und zum dortigen Heiligen Grab bildete. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bratislava, Brünn, Heidelberg, St. Pölten, Wien und Zwettl brachten ihre Expertise in den Bereichen Musik- und Theater-, Kunst- und Kulturgeschichte ein, um das Thema eingehend zu erörtern. Die interdisziplinäre Konzeption des von Matthias J. Pernerstorfer organisierten und moderierten Workshops ermöglichte, die unter Beteiligung namhafter Künstler geschaffenen Heiligen Gräber sowie die davor aufgeführten musikdramatischen Werke ebenso zu behandeln wie das breite Spektrum dessen, was im Zusammenhang mit der Passion Christi und den Feierlichkeiten der Karwoche für die Bevölkerung in Landschaft und öffentlichem Raum inszeniert wurde.

 

Besetzung der Landschaft

Die Besetzung der Landschaft durch katholische Kleindenkmäler, Kreuzigungsgruppen, Heiliggrabkapellen und groß angelegte Kalvarienberge, die von der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an zu bemerken ist, bildete den ersten Schwerpunkt. Martin Čičo von der Slowakischen Nationalgalerie (Bratislava) betonte die Bedeutung der Jesuiten, die nach dem Vorbild des Wiener Kalvarienbergs (Hernals 1639) zahlreiche vergleichbare Anlagen schufen, und wies bei den Heiliggrabkapellen (ca. 7 in der Slowakei, die im 17. Jahrhundert zur Österreichischen Ordensprovinz der Jesuiten gehörte) auf das Bemühen hin, das Vorbild aus dem Heiligen Land möglichst exakt nachzuahmen.

In Niederösterreich sind ein gutes Dutzend Heiliggrabkapellen erhalten, u. a. in Eggenburg, das im 17. und frühen 18. Jahrhundert aufgrund des Eggenburger bzw. Zogelsdorfer Sandsteins eine wichtige Rolle spielte. In Eggenburg ansässige Steinmetze produzierten einen großen Teil der Kleindenkmäler, die besonders das Wald- und Weinviertel flächendeckend überziehen. Auf die Errichtung der Eggenburger Heiliggrabkapelle, der Kreuzigungsgruppe und der Kreuzwegstationen sowie die seit 1675 nachweisbaren Prozessionen und Passionsspiele ging Matthias J. Pernerstorfer vom Don Juan Archiv Wien ein. Er stellte auch bislang nicht näher untersuchte Rechnungen für ein Theatrum vor, das 1721/1722 in einem Nebenraum der St. Stephanskirche in Eggenburg eingebaut wurde, um dort „Carfreytags-Comœdien“ aufzuführen.

Aus der Diskussion ergab sich nicht zuletzt eine Forderung an die Forschung: Ein historisch und geografisch differenzierter, quantitativer Überblick über die einzelnen Typen von Denkmälern wäre äußerst wünschenswert, um Aussagen darüber treffen zu können, welche Denkmäler zu welcher Zeit besonders beliebt gewesen sind, und ob bestimmte historische Ereignisse (Gegenreformation, Türkenkriege, Pest) oder die Förderung durch die Kirche (etwa durch Ablässe) damit in Zusammenhang stehen, oder ob die Stiftung solcher Werke doch in erster Linie an das Engagement von begeisterten Einzelpersonen gebunden ist.

Sigrid Gensichen (Heidelberg) zeichnete das habsburg-geprägte Frömmigkeitsverhalten der in Böhmen aufgewachsenen und durch Prager wie Wiener Vorbilder beeinflussten Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden-Baden (1675-1733), nach. Diese berief die Piaristen nach Rastatt und stiftete dort eine Maria-Einsiedeln-Kapelle mit einer Nachbildung der Geburt-Christi-Kirche in Bethlehem unterhalb davon, eine Magdalenenkapelle mit Heiligem Grab, eine Loretokapelle und eine Kreuz-Christi-Kirche. In dieser findet sich ein sehr an barocke Theatertechnik erinnerndes Verfahren für die Beleuchtung eines Altares.

 

Besetzung des Öffentlichen Raumes

Die Besetzung des Öffentlichen Raumes durch Prozessionen und Passionsspiele wurde ebenfalls diskutiert: Vladimír Maňas vom Institut für Musikwissenschaft der Masaryk-Universität Brünn behandelte die Prozessionen, die in Brünn vom Ende des 17. Jahrhunderts an durchgeführt wurden. Anfangs rivalisierten hier die Bruderschaft Corporis Christi und die jesuitische Bruderschaft von der Todesangst Christi, wobei um die Jahrhundertwende die Jesuiten Oberhand gewannen und ab 1707 die Prozessionen gemeinsam durchgeführt wurden, bis der neue Olmützer Bischof Julius Troyer (1698-1758), ein Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia, im Jahre 1747 die Selbstgeißelung (Flagellatio) und im Jahre 1751 schließlich sämtliche szenischen Darstellungen verbot. Die Bedeutung der Bruderschaften war in diesem Zusammenhang sehr groß, und deshalb war das Verbot derselben unter Joseph II. eine nachhaltig wirkende Maßnahme gegen die Prozessionen und Passionsspiele.

Franz Groiß von der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich gab einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der Passionsspiele in Niederösterreich. Diese erlebten ihre erste Hochblüte im 16. Jahrhundert, in der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind dann wieder mehrere nachzuweisen (u. a. in Korneuburg, Mödling und Perchtoldsdorf). Im 20. Jahrhundert gab es mancherorts einzelne Aufführungen der Passion Christi (u. a. in Hollabrunn und Laa), doch entstanden auch langfristig bestehende Passionsspiele, wobei das bekannteste Beispiel jene von Kirchschlag in der Buckligen Welt sind (seit 1932); aber auch Eibesthal, wo mit Holzfiguren gespielt wird (seit 1999), verdient eine Erwähnung.

 

Sepolcro

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten das Sepolcro bzw. die Passionsoratorien. Das italienische Wort „sepolcro“ bezeichnet sowohl das Grab als auch eine bestimmte musikdramatische Gattung. Herbert Seifert vom Wiener Institut für Musikwissenschaft definierte das Sepolcro als ein semi-theatrales, einteiliges Werk, das in der Karwoche vor dem Heiligen Grab unter Verwendung von Hintergrundprospekt und Kostümen mit szenischen Elementen dargeboten und zu Lebzeiten von Kaiser Leopold I. (1640–1705) am Wiener Kaiserhof gepflegt wurde. Danach ist am kaiserlichen Hof ein markanter Wandel in Form und Darstellungsweise festzustellen.

Jana Perutková vom Institut für Musikwissenschaft der Masaryk-Universität Brünn richtete ihren Blick auf die Rezeption von Sepolcro-Libretti, die teilweise von unterschiedlichen Orden (insbesondere von Oratorianern, Kapuzinern und Augustiner Chorfrauen) zur Aufführung gebracht wurden. Zudem konnte sie durch Quellenforschungen im Archiv von Johann Adam Graf von Questenberg (1678–1752) nachweisen, dass im mährischen Jaroměřice/Jarmeritz ebenfalls in Kostümen gespielt wurde und semi-theatrale Aufführungen vor dem Heiligen Grab anzunehmen sind. Wie eng ist das „Wiener Sepolcro“ also zu definieren? Sollte als übergeordnete Bezeichnung für entsprechende Darbietungen (unabhängig von ihrem formalen Aufbau) eventuell „Passionsoratorium“ gewählt werden?

Eine Möglichkeit, auf diesem Terrain Fortschritte zu erzielen, bietet eine breit angelegte bibliographische Forschung und die darauf aufbauende vergleichende Untersuchung von Libretti, die in der Karwoche zur Aufführung gebracht wurden. Das Don Juan Archiv Wien möchte Anlaufstelle für solche Forschungen sein und hat dafür die besten Voraussetzungen: Claudio Sartoris Standardkatalog zum italienischen Libretto im 17. und 18. Jahrhundert liegt hier in digitaler Form vor und kann ergänzt werden.(1) Gleichzeitig wird an einem Folgeprojekt zu Reinhart Meyers monumentaler Bibliographie zur Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts gearbeitet.(2)

Cigdem Özel, die am Wiener Institut für Kunstgeschichte derzeit ihre Masterarbeit verfasst, behandelte die 20 Entwurfszeichnungen von Lodovico Ottavio Burnacini (1636–1707) aus dem Bestand des Theatermuseums. Sie zog die weitgehend etablierte These von Rudolph Schnitzler, es handle sich um Bühnenprospekte für Sepolcro-Aufführungen in der Hofkapelle, in Zweifel, da eine Zuordnung der Entwürfe zu bestimmten Texten nur in zwei Fällen möglich ist. Auf den möglichen Zusammenhang mit den „Quarant’ore“, dem 40-stündigen Gebet, wurde von Özel hingewiesen. In der Diskussion wurden ihre Zweifel nicht nur bestätigt, sondern es wurde darüber hinaus deutlich, dass die Forschung sich auch, etwa was den Aufführungsort innerhalb der Hofburg etc. betrifft, zu sicher gewesen ist, und es noch viel zu tun gibt.

 

Heilige Gräber

Elisabeth Klecker vom Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein der Universität Wien wies mit Beispielen der Piaristen aus Horn und Mikulov/Nikolsburg auf die Bedeutung des Schultheaters auch im Zusammenhang mit Aufführungen in der Karwoche hin. Sie richtete danach den Blick auf die Wiener Augustiner, die wohl unter maßgeblicher Beteiligung von Abraham a Sancta Clara (1644–1709) von 1695 bis 1708 kontinuierlich Heilige Gräber mit Kulissen in der Augustinerkirche nahe der Hofburg errichteten, und verwies auf den Zusammenhang zwischen der Gestaltung dieser Heiligen Gräber mit der Predigtliteratur der Zeit. Diese Informationen sind deshalb von großem Interesse, da die erhaltenen barocken Heiligen Gräber Wiens und Niederösterreichs (Dürnstein, Großweikersdorf, Mariabrunn, Zwettl) aus späterer Zeit stammen.

Andreas Gamerith, Archivar von Stift Zwettl, stellte das 1744 nach einem Entwurf von Giuseppe Galli Bibiena (1696–1756) durch Franz Anton Danne (1700–1767) geschaffene Heilige Grab in Zwettl vor. Er deutete die Szenerie der Kreuzesübernahme Christi als Anspielung auf Jesu Ausspruch: „Wer mein Jünger sein möchte, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, was sehr gut zum Selbstverständnis des großen Bauabts Melchior Zaunagg (1706–1747) passt. Zudem präsentierte Gamerith eine jüngst aufgefundene Weihnachtsbespielung des dortigen Heiligen Grabes aus den 1760er Jahren.

Monika Dachs-Nickel vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien berichtete über die Wiederentdeckung und Restaurierung des Heiligen Grabes in einer Losenstein-Kapelle der Stiftskirche Garsten. Dieses Heilige Grab wurde von Johann Wenzel Bergl (1718–1789) 1777/1778 gemalt und bis 1939 regelmäßig aufgestellt, geriet danach jedoch weitgehend in Vergessenheit. Seit „Wiederentdeckung“ im Jahre 2009 stieg das Bewusstsein der Verantwortlichen für Einzigartigkeit und Wert dieses Heiligen Grabes, was dazu führte, dass wenige Jahre später selbiges wieder in altem Glanz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Die abschließende Exkursion führte nach Mariabrunn, wo Dr. Ernst Schödl durch die Kirche, die Heiligkreuzkapelle sowie die Sakristeien führte und der Gruppe das Heilige Grab (ca. 1760) in der Wies-Kapelle zeigte.

 

 

Hier finden Sie den Bericht auch als pdf.

 

(1) Claudio Sartori: I libretti italiani a stampa dalle origini al 1800. Catalogo analitico con 16 Indici analitici. Cueno: Bertola & Locatelli 1990–1994.

(2) Reinhart Meyer: Bibliographia dramatica et dramaticorum. Kommentierte Bibliographie der im ehemaligen deutschen Reichsgebiet gedruckten und gespielten Dramen des 18. Jahrhunderts nebst deren Bearbeitungen und Übersetzungen und ihrer Rezeption bis in die Gegenwart. 1. Abteilung: Werkausgaben – Sammlungen – Reihen. Bd. I–III. Tübingen: Niemeyer 1986; 2. Abteilung: Einzeltitel I–XXXIV. Tübingen: Niemeyer bzw. seit 2010 Berlin/New York: De Gruyter 1993–2012.

 

 

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Letztes Update: 20.05.2015
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