Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag

Don Juan

 

Zu den bekanntesten Varianten zählen die spanische "Urfassung" El burlador de Sevilla y combidado de piedra, Comedia famosa, zumeist Tirso de Molina zugeschrieben (Uraufführung Spanien vor 1625; Erstdruck Barcelona 1630); das Opera reggia ed esemplare Il convitato di pietra von Giacinto Andrea Cicognini (UA Florenz, Karneval 1632, ED Venedig 1663), die Comédie Dom Juan ou le festin de pierre von Molière (UA Paris, 12. Februar 1665; ED Paris sowie Amsterdam 1682); die Tragicommedia hagidain in Zuotz im Engadin von Fadrich Viezel (UA 23. Februar 1673, ED Montpellier 1885, ein namenloses Don Juan-Stück in rätoromanischer Sprache), die Tragedy The Libertine von Thomas Shadwell (UA und ED London 1676) und die Commedia Don Giovanni Tenorio ossia Il dissoluto von Calo Goldoni (UA Venedig, Karneval 1736; ED Florenz 1754).

Im deutschsprachigen Raum ist die bisher früheste Aufführung für den 14. Jänner 1660 in Wien nachgewiesen, vor Kaiser Leopold I. und seinem Hof, im ersten freihstehenden Theater der Stadt, dem hölzernen Comödienhaus auf dem Tummelplatz (heute Josephsplatz).

Die Verbreitung des Sujets in verschiedenen Fassungen in den West-, Mittel-, Nord- und Ostregionen des Heiligen Römischen Reichs ist ab 1675 durch Dokumente belegt, ab dem mittleren 18. Jahrhundert durch Theaterzettel, vereinzelt durch Theateralmanache; nirgendwo aber durch Stücktexte, seien es Handschriften oder Drucke, "Arienbüchel", Szenare oder ausgeschriebene Stücke. Genau umgekehrt verhält es sich im Süden: weitaus weniger Theaterzettel, dafür Texte aus Salzburg, Wien und Linz.
Die Salzschiffer aus Laufen, die während des Winters in Stadt und Umland spielten (nachgewiesen erstmals 1691), führten einen Donn Joann im ständigen Repertoire, den Mozart in seiner Kindheit oder Jugend wohl gesehen haben könnte (erhaltenes Manuskript, Laufen 1811, ED Hamburg/Leipzig 1891).
Das Manuskript der  Teutschen Ariensammlung enthält  Bernardon der Ruchlose Iuan del Sole von Joseph Felix von Kurtz, genannt Bernardon (zw. 1744 und 1752, am Theater am Kärntnerthor).
Im Theater am Kärntnerthor ist auch die erste Aufführung Gottfried Prehausers  Don Juan [oder das steinerne Gastmahl] in der extemporierten Tradition datierbar (3. November 1753).
Von Gottllieb Stephanie dem Jüngern stammt Macbeth (oder Das neue steinerne Gastmahl), (UA Wien 3. November 1772, ED s. l. 1772)    
Karl von Marinellis Dom Juan, oder Der steinerne Gast (UA 31. Oktober 1783 im Leopoldstädter Theater, ms dat. 16. X. 1783) kann ebenfalls durchaus mit Mozart in Verbindung gebracht werden. Mozart war ein regelmäßiger Besucher des Leopoldstädter Theaters, auch Da Ponte könnte den Wiener Dom Juan gesehen haben, wie aus einem dramaturgischen Detail im Finale des ersten Aktes seines eigenen Werkes hervorgeht:

des Dramma giocoso in due atti Il Dissoluto punito o sia Il D. Giovanni (ED Wien September 1787; UA Prag 29. Oktober 1787), von beiden Autoren überarbeitet für die Wiener Erstaufführung (7. Mai 1788), zuletzt von Da Ponte adaptiert für die kontinentalamerikanische Erstaufführung in New York (23. Mai 1826).
Benedikt Dominik Anton Cremeri brachte schließlich noch sein "Kassastück" Don Juan oder der steinerne Gast heraus (ED s.a. [1787] Linz)

Don Juans Ausgreifen auf nicht-szenische literarische bzw. musikalische Formen sowie auf alle weiteren Künste scheint Mitte der 1790er in Deutschland zu beginnen - es könnte durch Don Giovanni resp. Mozarts Musik veranlaßt worden sein, die während dieses Jahrzehnts mehr und mehr Verbreitung fand. Gefördert wurde dies sicherlich auch durch E. T. A. Hoffmanns Erzählung Don Juan (1813) und - im angelsächsischen Raum - durch George Gordon Lord Byron's Don Juan. A Heroic Poem (s. l. [London], Davison 1819). Seit damals zeigt das Thema Eignung für jeden Zweck und Anlaß, ein Modellfall europäisch-weltweiter Entwicklung und Verflechtungen. Für die Erforschung der 220 Jahre "Don Juan nach Don Giovanni" ist grenzüberschreitende Zusammenarbeit mehrerer Wissenschaftsdisziplinen erforderlich; für die Jahrhunderte davor ist sie von der Theaterwissenschaft zu leisten.

 

Letztes Update: 20.05.2014