Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag
Figaro-Materialen im Archiv der Salzburger Festspiele. © Ches Themann

Künstlerisch-wissenschaftliche Tagung zu Le Nozze di Figaro

Donnerstag, 7. Mai 2015

Teil I

9.00 – 12:00 Uhr

Schloss Leopoldskron

Leopoldskronstraße 56-58

 

Teil II

14.00 – 16:00 Uhr

Mozart-Wohnhaus

Makartplatz 8

 

Teil III

16.30 – 18:00 Uhr

Archiv der Salzburger Festspiele

Hofstallgasse 1

 

Organisation: Dr. MICHAEL MALKIEWICZ (Universität Mozarteum Salzburg) & Dr. MATTHIAS J. PERNERSTORFER (Don Juan Archiv Wien)

 

Eine Kooperation von der

Universität Mozarteum Salzburg

und dem Don Juan Archiv Wien

mit der Internationalen Stiftung Mozarteum

und dem Archiv der Salzburger Festspiele

 

Programm

 

Teil I: Schloss Leopoldskron

09:00–09:20 MATTHIAS J. PERNERSTORFER / MICHAEL MALKIEWICZ

Begrüßung

09:20–10:00 H. E. WEIDINGER, Don Juan Archiv Wien

Eröffnung: „Warum Figaro?“

 

10:00–10:20 Kaffeepause

 

10:20–11:00 JOSEF WALLNIG, Universität Mozarteum Salzburg, Mozart Opern Institut

„Triumphierende Seligkeit“ im Figaro

11:20–12:00 CHES THEMANN, Theaterregisseur und –pädagoge

Neues zum Fandango aus Le Nozze di Figaro

 

12:00-14:00 Mittagspause

Ortswechsel per Taxi-Shuttle

 

Teil II: Mozart-Wohnhaus, Makartplatz 8

14:00–14:40 MICHAEL MALKIEWICZ, Universität Mozarteum Salzburg

„Mon Dieu, c’est lui! – Emmanuel!“ – Zur Kalvarienberg-Szene bei Beaumarchais und Da Ponte

14:40–15:20 REINHARD EISENDLE, Don Juan Archiv Wien

Zensur in Wien im 18. Jahrhundert

15:20–16:00 IACOPO CIVIDINI, Internationale Stiftung Mozarteum

Sprachanalytische Betrachtungen zu Beaumarchais/Da Ponte

 

Ortswechsel zu Fuß

 

Teil III: Archiv der Salzburger Festspiele, Hofstallgasse 1

16:30–18:00 FRANZISKA LETTOWSKY, Archiv der Salzburger Festspiele

3x Fandango. Zu Inszenierungen aus dem Archiv der Salzburger Festspiele

Bericht

 

Am 15. Mai 2014 veranstalteten die Universität Mozarteum Salzburg und das Don Juan Archiv Wien einen Workshop zum „Tanz im Don Giovanni“. Die Vorträge fanden im Schloss Frohnburg, im Mozart-Wohnhaus auf dem Makart- (vormals: Hannibal-)Platz sowie im Archiv der Salzburger Festspiele statt. Die Veranstaltung war gelungen, und so wurde für 2015 eine Fortsetzung geplant: die „Künstlerisch-wissenschaftliche Tagung zu Le nozze di Figaro“, abgehalten auf Schloss Leopoldskron, im Mozart-Wohnhaus sowie im Archiv der Salzburger Festspiele.

 

Matthias J. Pernerstorfer, Direktor des Don Juan Archivs Wien, berichtete über den Kontext der Tagung im Rahmen der vielfältigen Kooperationen zwischen der Universität Mozarteum und dem Don Juan Archiv und ging auf die Wahl von Schloss Leopoldskron als Veranstaltungsort ein. Dabei spannte er den Bogen von den Räumlichkeiten des Don Juan Archivs in der Wiener Josephstadt über Max Reinhardt bis zu dessen prächtigem Sitz im Salzburger Nonntal.

Michael Malkiewicz von der Universität Mozarteum wies auf die Entwicklung und Erweiterung der Zusammenarbeit zwischen Don Juan Archiv und Universität Mozarteum hin und betonte die Bedeutung des Veranstaltungsformats im produktiven Spannungsfeld zwischen Forschung und Praxis. Zudem skizzierte er Möglichkeiten künftiger gemeinsamer Projekte – für 2017 etwa ist eine Tagung zu Tanz, Musik und Spiel in ikonographischen Darstellungen, aber auch als Thema im Theater und Musiktheater geplant.

 

Hans Ernst Weidinger, Gründer der kulturwissenschaftlichen Forschungszentren Don Juan Archiv und STVDIVM FÆSVLANVM sowie des HOLLITZER Verlages, ging auf die Frage ein, warum Wolfgang Amadé Mozart (Salzburg 1756–1791 Wien) auf die Idee kam, gerade den Figaro zu vertonen. Weidinger beschrieb die prekäre Situation des Komponisten im März 1785. Mozart hatte sich vor der Wiener Gesellschaft blamiert, als die Aufführung der Cantate Davide penitente bei einer Benefiz-Akademie der Tonkünstler-Societät aus eigenem Verschulden zum Misserfolg geriet und er um die Wiederherstellung seines Renommées bemüht sein musste. Den erst kurz davor verbotenen Figaro auf dem Hofburgtheater als italienische Oper zur Aufführung zu bringen, war freilich ein solcher Coup – und Mozart hatte Glück, dass Lorenzo da Ponte (Ceneda 1749–1838 New York) dieser Idee folgte, das Libretto verfasste und gegen alle Schwierigkeiten beim Kaiser durchsetzen konnte.

Josef Wallnig, Leiter des Mozart-Opern Instituts, zeichnete den Triumph von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799) nach, der aufgrund seines Stücks La folle journée ou Le mariage de Figaro (1784) von Ludwig XVI. (r. 1774–1792) eingesperrt worden war und nach internationalem diplomatischem Druck wieder freigelassen werden sollte. Er weigerte sich, das Gefängnis zu verlassen, sofern nicht die gesamte Regierung eine Aufführung des Figaro besuchen und Mitglieder der königlichen Familie den Barbier von Sevilla aufführen würden. Beiden Forderungen wurde nachgegeben.

Weiters erörterte Wallnig, wie Mozart aufgrund der Wahl von Tonart und Instrumentation die Charaktere und Situationen definierte. Er zeigte, wie aufschlussreich die Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791) für das Verständnis von Mozarts Musik sind, und illustrierte dies anhand von ausgewählten Szenen aus dem Figaro. Besonders aufschlussreich war der Hinweis auf D-Dur als Grundtonart der Oper, einer Tonart, die in Mozarts Opern eigentlich den Vertretern des Adel vorbehalten ist. In Le Nozze di Figaro agieren aber Figaro und Susanna als die eigentlichen Hauptpersonen.

Ches Themann, Theaterregisseur und -pädagoge, stellte persönliche Erfahrungen mit dem Fandango im Figaro zur Diskussion. Er definierte das Wesen des spanischen Volks- und Werbetanzes Fandango und stellte diesem die konkrete Ausformung des von Christoph Gluck (1714–1787) bekannten Fandangos aus dem Ballett Don Juan durch Mozart gegenüber. Vom ekstatischen Charakter des Tanzes (Fandango heißt wörtlich übersetzt „Wirbel“ oder „Durcheinander“) ist nichts zu spüren. Es wirke, als ob nicht der Tanz, sondern dessen Beobachtung im Mittelpunkt stünde. Themann definierte diese als eine doppelte: einerseits beobachtet ein Wüstling, andererseits steht dieser selbst unter Beobachtung.

 

Nach dem Mittagessen führte Michael Malkiewicz durch Schloss Leopoldskron. Er präsentierte die großteils von Max Reinhardt eingerichteten Räumlichkeiten, wobei die Sammlungen von barocken Kupferstichen zu theatralen Ereignissen (viele davon aus Wien) und einer Serie von venezianischen Ölgemälden des 18. Jahrhunderts zur Commedia dell’arte reges Interesse erweckten – beide Bestände sind bislang wissenschaftlich nicht aufgearbeitet.

 

Michael Malkiewicz eröffnete auch das Nachmittagsprogramm in der Mozart-Ton- und Filmsammlung im Mozart-Wohnhaus. Er untersuchte den religiösen Subtext des Figaro; als Belege dienten ihm die zahlreichen eindeutig aus biblischem Kontext stammenden Namen, die Interpretation von Figaro als Jesus und Susanna als seine Braut, d.h. als das Himmlische Jerusalem, besonders aber die Szene der Wiedererkennung des Figaro, die indirekt auf die „Kalvarienbergszene“ des Neuen Testaments anspielt. Dass auch die Zahlenreihe am Beginn des Stückes (Summe 144) in diesem Kontext an Bedeutung gewinnt, fand Zustimmung. Wie die Zahlenreihe (5, 10, 20, 30, 36, 43) in Detail zu interpretieren sei, wurde kontroversiell diskutiert.

Iacopo Cividini von der Stiftung Mozarteum Salzburg legte eine sprachanalytische Untersuchung einiger Teile von Da Pontes Text im Vergleich zu seiner Vorlage vor. Er stellte fest, dass bezüglich Akt-, Szenen-, Vers- und Personenzahl eine deutliche Verkürzung vorliegt, Da Ponte jedoch bestimmte Szenen – so das Eröffnungsduett von Figaro und Susanna – deutlich erweiterte. Zudem wies Cividini darauf hin, dass Da Ponte – entgegen alle Erwartung – sexuelle Anspielungen erweiterte bzw. neu einführte. Ausführlich ging er ein auf die Fandango-Szene mit der Überreichung des durch eine Nadel verschlossenen Briefes und die Bedeutung von „Le donne ficcan gli aghi / in ogni loco…“.

Reinhard Eisendle vom Don Juan Archiv behandelte die Frage der Zensur unter Joseph II. (r. 1765–1790) anhand des Figaro. Das Verbot dieses Stückes wurde, wofür sonst kein Fall belegt ist, aufgrund eines Handbillets des Kaisers dem damaligen Theatralzensor Karl Friedrich Hägelin (1735–1809) nahegelegt. Die Unsicherheit des Zensors aufgrund der „gebrochenen Kommunikation“ mit seinen Vorgesetzten war ebenso Thema wie die Trennung von Theatral- und deutlich weniger strenger Bücherzensur. Und wer zensierte Da Ponte? Dafür schlug Eisendle vor, dass ihm als Librettisten des Kaisers keine zensierende Instanz übergeordnet war, sondern im Gegenteil Da Ponte für die Anständigkeit der italienischen Opern Verantwortung trug.

 

Franziska Lettowsky präsentierte in dem von ihr geleiteten Archiv der Salzburger Festspiele eine repräsentative Auswahl von Dokumenten zu Aufführungen des Figaro – Theaterzettel, Programmhefte, Regiepartituren und -bücher. Zudem zeigte sie Videos der Fandango-Szene von sechs Inszenierungen von den 1960er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit. Diese machten u. a. deutlich, dass eine Regieanmerkung des Librettos (derzufolge Figaro teilweise alleine tanzt) stets ignoriert werden.

 

Die Beiträge und Gespräche waren äußerst anregend, eine Fortsetzung 2016 wurde beschlossen. Dann soll nach Don Giovanni und Le nozze di Figaro die dritte Oper von Mozart und Da Ponte im Zentrum stehen: Così fan tutte.

 

Bericht von Matthias J. Pernerstorfer

Letztes Update: 13.04.2016