Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag
Weidinger, Kandler, Springer-Dissmann
Manfred Kandler
Weidinger, Riedl, Kandler

Forschungsgespräche Des Don Juan Archivs

XIX.
Die Theater in der Josephstadt

Ort: Wien, Don Juan Archiv

20. Jänner 2015, 13 bis 16 Uhr

 

 

In unmittelbarer Nähe des Don Juan Archivs fanden bedeutende Ereignisse in der Theater­geschichte der Haupt- und Residenzstadt Wien statt. Der sogenannte Bauernfeindische Saal bot eine Bühne für deutschsprachige Wandertruppen schon lange bevor die Vorstadtbühnen gegründet werden durften. Ab dem Jahr, als die erste von diesen in der Leopoldstadt den Betrieb aufnahm (1781), nutze Fürst Johann Adam Auersperg den Bauernfeindischen Saal als Privattheater (Fürstlich Auerspergisches Theater). Unter ihm wurde 1790 aus Anlass der Tripelhochzeit dreier Kinder von Kaiser Leopold II. mit drei Kindern von dessen Schwester Maria Karolina von Österreich, Königin von Neapel-Sizilien, Lorenzo da Pontes Kantate Flore e Minerva mit Musik von Joseph Weigl im „Tempel der Flora“ gegeben.

 

In nur geringer Entfernung zur Trautsongasse ließ Reichsvizekanzler Friedrich Karl Schönborn um 1710 in seinem Gartenpalais ein Comödien-Parterre aus Figuren der Commedia dell’arte errichten, wurden im 1701 eröffneten Piaristengymnasium Schulstücke gegeben und wurde 1788 das auch heute noch bestehende Theater in der Josephstadt gegründet.

 

Im 19. Forschungsgespräch wird auf die nicht zuletzt durch die Nähe zum Hof geprägten Gegebenheiten in der Josephstadt eingegangen, durch die das auffällig intensive Theater­leben in diesem Stadtteil verständlich wird.

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

Manfred Kandler, Bezirksmuseum Josephstadt

Matthias J. Pernerstorfer, Don Juan Archiv Wien

Stefan Riedl, freier Bühnenbildner und Kunsthistoriker

Käthe Springer-Dissmann, Redaktion Tagbau

Hans Ernst Weidinger, Don Juan Archiv Wien

 

Bericht zum XIX. Forschungsgespräch

Bericht zum Besuch im Bezirksmuseum Josefstadt

 

XX.
Erschließung von Theaterzettel-Konvoluten

Ort: Wien, Theatermuseum, Plakatsammlung

28. Jänner 2015, 15-17 Uhr

 

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

Daniela Franke, Theatermuseum, Programmarchiv und Plakatsammlung

Franz Josef Gangelmayer, Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung

Andrea Gruber, Don Juan Archiv Wien, Bibliothek

Claudia Mayerhofer, Theatermuseum, Bibliothek

Matthias J. Pernerstorfer, Don Juan Archiv Wien

 

In den Jahren 2010 bis 2012 lief eine, insbesondere von engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Don Juan Archivs, der Wienbibliothek im Rathaus, des Theatermuseums und des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft getragene „Theaterzettel-Initiative“ in Wien. Sie setzte sich zum Ziel, das Bewusstsein für die Bedeutung dieses kulturhistorisch höchst bedeutsamen Mediums zu stärken und seine Erschließungs- wie Beforschungssituation zu verbessern. Im Anschluss an eine international besetzte Tagung am 28. und 29. Juni 2011 in der Musiksammlung der Wienbibliothek zog der erste Band der Reihe Bibliographica des Don Juan Archivs mit dem Titel Theater – Zettel – Sammlungen. Erschließung, Digitalisierung, Forschung ein Resümee über die erfreulichen Ergebnisse dieser Initiative und stellte die bedeutendsten Digitalisierungsprojekte im deutschsprachigen Raum vor.

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Nachdem in der Folgezeit an den einzelnen Institutionen intensiv weitergearbeitet wurde, ging es im 20. Forschungsgespräch darum, sich wieder gemeinsam an einen Tisch zu setzen, den Stand der Dinge zu besprechen, für die bibliothekarische und archivarische Arbeit Perspektiven zu entwickeln und die Möglichkeiten einer Plattform zur institutionsübergreifenden Präsentation der Wiener Theaterzettel-Bestände zu diskutieren.

Die in Bibliographica 1 vorgestellten Digitalisierungsprojekte, durch die zwischen 1.000 und 40.000 Blatt digitalisiert und inhaltlich erschlossen worden sind resp. werden, zeigen die Grenzen dieser Form der Erschließung auf. Kurz gesagt, für Sammlungen wie jene der Wienbibliothek und des Theatermuseums – jeweils rund eine halbe Million Theaterzettel und Programmhefte – sind solche Projekte aus finanziellen Gründen nicht möglich. Dasselbe gilt aber freilich auch für die Großbestände in Berlin, Hamburg, Köln oder München.

Eine effektive Lösung entwickelte Franz Josef Gangelmayer, indem er Grundlagen für eine Erschließung von Theaterzettel-Konvoluten ausarbeitete und diese für die Aufarbeitung der Bestände der Wienbibliothek großflächig umsetzte. Eine Präsentation dieser Arbeit fand im Rahmen des 17. Forschungsgesprächs zu Theatertopographie Wiens (13. November 2013) statt, eine mit Erik Gornik und Clemens Miniberger verfasste Publikation dazu erscheint im zweiten Band der Reihe Bibliographica mit dem Titel Theater – Zettel – Sammlungen 2. Bestände, Erschließung, Forschung (im Druck).

Zu den Theaterzetteln der Plakatsammlung des Theatermuseums lagen 2012 Excel-Listen mit Informationen zu Stadt, Theater und Jahr vor (siehe Daniela Frankes Beitrag in Bibliographica 1, S. 244–252). Diese wurden seither unter Leitung von Daniela Franke durch Volontärinnen und Volontäre überarbeitet: die Abteilungen „Wien“ und „Österreich“ sind vollständig aktualisiert, ebenso „K. u. K. Monarchie“ als Teil von „Ausland“ (diese Abteilung immerhin zu 80%). Durch Einzelerfassung sind in TMS (The Museum System) rund 2.000 besondere, für Ausstellungen oder Publikationen verwendete Zettel erfasst.

Aus dem Bestand der Bibliothek des Theatermuseums werden die Wiener Theaterzettel des 19. Jahrhunderts in einer Datenbank präsentiert (zum Projekt THEO – Theaterzettel Online siehe Claudia Mayerhofers Beitrag in Bibliographica 1, S. 259–302), die auf einer Excel-Liste basiert.

Das Don Juan Archiv hat im Herbst 2014 die freie Open-Source-Bibliothekssoftware Koha eingeführt und bildet im Unterschied zu anderen Institutionen darin nicht nur die eigenen Bestände ab, sondern auch bibliographische Werke (z. B. wird gerade A. E. Singers Don-Juan-Bibliographie zur Einspielung aufbereitet). Koha bietet die notwendigen Voraussetzungen, um – aufbauend auf der bereits erfolgten Erschließungsarbeit sowie Franz Josef Gangelmayers Erschließungsempfehlungen – die Theaterzettel-Konvolute des Theatermuseums, der Wienbibliothek und des Don Juan Archivs als jeweils eigene Sammlungen in einem gemeinsamen, vom Don Juan Archiv getragenen Portal online zu präsentieren.

Die Daten der einzelnen Einrichtungen liegen bereits im Excel-Format vor (Theatermuseum), oder könnten in diesem zur Verfügung gestellt werden (Wienbibliothek), wodurch die Datensätze (konvertiert ins Datenformat MARC21) problemlos in Koha importiert werden können. Andrea Gruber und Matthias J. Pernerstorfer arbeiten einen entsprechenden Projektentwurf mit Muster Excel-Tabelle aus, um diesen dann mit Frau Direktor Sylvia Mattl-Wurm (Wienbibliothek) und Herrn Direktor Thomas Trabitsch (Theatermuseum) besprechen zu können.

Das Portal soll nicht auf Wiener Bestände beschränkt bleiben, wenngleich aus pragmatischen Gründen mit den hiesigen Beständen der Anfang gemacht wird. Potenzielle Kooperationspartner sind die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf sowie die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main. Eine Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, deren ca. 300.000 Theaterzettel nach Konvoluten erschlossen sind, wäre ebenfalls wünschenswert. In Bezug auf weitere Bestände zu Wiener Theatern wäre es auch wünschenswert die Wiener Bezirksmuseum in dieses Zusammenschau zu integrieren.

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Den abschließenden Gesprächspunkt bildeten terminologische Fragen zum „Theaterzettel“. Dabei ist zwischen einer allgemeinen Typologie und einer spezifischen, in einer Institution eingeführten Terminologie (die zur Beschreibung der vorfindlichen Dokumente in der Regel nach und nach gewachsen ist und heute ein Problem für die Etablierung einer systematischen Terminologie sein kann) zu unterscheiden. Kompliziert ist die Erstellung einer Typologie, da u. a. unter dem Gesichtspunkt der Distribution eine Ausdifferenzierung notwendig ist.

 

Folgend ein Vorschlag einer Theaterzettel-Typologie für künftige Projekte:

  • Theaterzettel wurden im Vorfeld einer Aufführung zur Information über selbige verteilt bzw. einer Behörde zur Erteilung der Spielerlaubnis vorgelegt.
  • Wie viele Stücke bei einer Vorstellung angekündigt sind und die Zahl der Bühnen, deren Programm präsentiert wird, spielt für die Definition als Theaterzettel keine Rolle (Subkategorien wie Doppelzettel können sinnvoll sein – aber ob sich Tripelzettel durchsetzen wird, erscheint jedoch fraglich). Der Zeitpunkt des Drucks im Verhältnis zur Aufführung ist ebenfalls nicht relevant, obwohl dieser Aspekt für die theaterhistorische Forschung durchaus von Bedeutung ist, da der Quellenwert eines am Tag der Aufführung gedruckten Theaterzettels (Tageszettel bzw. tagesaktueller Theaterzettel) höher ist als der eines Theaterzettel älteren Datums.
  • Programmzettel kündigen Veranstaltungen mit mehreren Programmpunkten an und sind häufig bei Feuerwerken, Akrobaten, Varietés, Matineen, Konzerten etc.
  • Anschlag-/Aushangzettel, in der Regel großformatig, informieren das am Theatergebäude, an Litfaßsäulen etc. vorbeigende (potenzielle) Publikum;
  • Theaterplakate unterscheiden sich von Theaterzetteln durch ihre grafische Gestaltung und in der Regel (abgesehen von Anschlag-/Aushangzetteln) durch ihre Größe. Sie werden ebenfalls öffentlich ausgehängt, dienen aber mehr der Werbung als der Information (wobei diese Unterscheidung freilich nicht unproblematisch ist);
  • Flyer, heute ein übliches Medium für Werbung besonders in der freien Theaterszene, werden an öffentlichen Orten ausgelegt und sollen – häufig Text- und Bildinformationen zu einer Produktion (und in der Regel nicht zu einer einzelnen Vorstellung) verbindend – das Publikum erreichen;
  • Inserate (häufig mit gleichem Layout wie ein Theaterzettel) in Zeitungen richten sich an die Leserschaft und werden ebenfalls im Vorfeld publiziert;
  • Besetzungszettel, in ein Programmheft eingelegt, informieren das Publikum über die tagesaktuelle Besetzung;
  • Erinnerungsstücke wie handgeschriebene Theaterzettel sowie gedruckte bzw. gestickte Papierservietten – diese wurden klarerweise nicht in derselben Auflagezahl produziert wie gedruckte Theaterzettel;
  • In Theaterjournalen, die als Jahres- oder Saisonrückblick für das Stammpublikum gedruckt wurden, finden sich teilweise Einträge zu Produktionen, die in ihrem Layout den Theaterzetteln gleichen.

 

Vom Umfang her ist ein Theaterzettel als Einblattdruck definiert, weshalb er sich von Theaterprogrammen / Programmheften sowie Periochen unterscheidet, unabhängig davon, dass in diesen Medien teilweise die gleichen Informationen enthalten sind.

Das Gespräch wird fortgesetzt.

 

Don Juan Archiv Wien / Stvdivm fæsvlanvm
XXI. Forschungsgespräch / XXI. Research Talk
Diplomacy and/in Cultural History

Ort: Wien, Don Juan Archiv

Freitag, 13. November 2015, 14.00 Uhr

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

University of Vienna:
Claudia Römer
Luis Tercero Casado
Rocio Martínez Lopez
Laura Oliván Santaliestra


University of Salzburg:
Arno Strohmeyer
Elisabeth Lobenwein


University of Szeged:
Sándor Papp
Zsuzsanna Cziráki


Hungarian Academy of Sciences:
Gábor Kármán

Don Juan Archiv Wien:
Reinhard Eisendle
Silvia Freudenthaler

Tatjana Marković (University of Music and Performing Arts Vienna)
Matthias J. Pernerstorfer
Suna Suner
Hans Ernst Weidinger

 

Das XXI. Forschungsgespräch brachte 18 Forscherinnen und Forscher aus Italien, Österreich, Spanien und Ungarn an den runden Tisch, um zum Thema Diplomacy and/in Cultural History zu diskutieren. Matthias J. Pernerstorfer, Direktor des Don Juan Archivs Wien (DJA), begrüßte die Gäste, stellte die gastgebende Institution vor und erläuterte das Programm.
Anschließend  richtete Laura Oliván Santaliestra Grußworte an die prominent besetzte Runde. Santaliestra, die aktuell ein Projekt zu „Kaiserliche Botschafterinnen zwischen den Höfen in Madrid und Wien (1650–1700)" am Institut für Geschichte der Universität Wien durchführt, hat maßgeblichen Anteil an der Konzeption und Organisation dieses Forschungsgespräches.
Hans Ernst Weidinger ging auf die Frage ein, was das STVDIVM FÆSVLANVM, das sich unter anderem der Diözesangeschichte von Fiesole sowie dem kulturellen Transfer zwischen den habsburgischen Erblanden und der Toscana widmet, mit der Diplomatie-Forschung verbindet. Den Anfang macht die Botschaft von Bischof Rusticus (6. Jh.) nach Konstantinopel, gefolgt von den diplomatischen Beziehungen im Umfeld der Hochzeiten Byzantinischer Prinzessinnen mit Kaisern des Heiligen Römischen Reiches und österreichischen Herzögen bis hin zu drei bedeutenden diplomatischen Ereignissen im 15. Jahrhundert: Die Teilnahme des byzantinischen Kaisers Johannes VIII. Palaiologos (r. 1425–1448) am Unionskonzil in Florenz (1438/1439), die Krönungs- und Hochzeitsreise von Friedrich III. über Florenz nach Rom (1452) und die Gesandtschaft des letzten Kaisers von Trapezunt, die über Wien und Venedig zuletzt nach Florenz führte (1460).
Reinhard Eisendle, der Betreuer des Forschungskreises Diplomatica am DJA, ging auf Diplomaten und Diplomatie in den Don-Juan-Stücken von den Anfängen im frühen 17. Jahrhundert bis zum Don Giovanni von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadé Mozart ein: Bereits in der frühesten bekannten Fassung von Tirso de Molina finden sich zwei Diplomaten unterschiedlichen Formats, und spielt die Durchkreuzung der (Heirats-)Diplomatie des Königs durch Don Juan eine zentrale dramaturgische Rolle. Da Pontes und Mozarts Don Giovanni, ursprünglich als Hochzeitsoper für Kaiser Josephs II. Nichte Maria Theresia, älteste Tochter des Großherzogs von Toskana Leopold, und Anton von Sachsen, Bruder wie Thronerben des sächsischen Kurfürsten,  in Prag geplant, ist in ein komplexes Netz diplomatischer Beziehungen eingebettet. Die Beschäftigung mit Diplomatie ist deshalb für ein Don Juan Archiv naheliegend.
Auf dem Feld der Diplomatie sind für das Don Juan Archiv die diplomatischen Beziehungen des Heiligen Römischen Reiches respektive der Casa d’Austria zu vier Regionen von Interesse: 1. Italien, 2. Portugal und Spanien, 3. Osmanisches Reich sowie 4. Herrschaftsbereich der Jagellonen-Dynastie.
Derzeit bestehen folgende konkrete Projekte:
1.     Diplomatie als performatives Ereignis: Theater als Teil der Diplomatie / Diplomatie als „theatraler“ Handlungsraum.
3.     Don Giovanni als paradigmatischer Fall für das Verhältnis von Theater und Diplomatie.
2.     „Fasti imperiali nella Roma papale“: das Theater der kaiserlichen Botschaften im päpstlichen Rom – der kulturell-politischen Arena der europäischen Diplomatie.
4.     Der erste Wiener Kongress von 1515.
Suna Suner, die Betreuerin des Forschungskreises Ottomania am DJA, berichtete, wie das Don Juan Archiv im Zuge seiner Forschungen zu der seit 2008 abgehaltenen Symposien-Reihe „Ottoman Empire & European Theatre“ die Bedeutung der Diplomaten für die Rezeption der Oper im Osmanischen Reich feststellte, da es in einer Botschaft war, wo im Karneval 1786 die erste italienische Oper im Osmanischen Reich – inszeniert und ausgeführt von Personen aus dem diplomatischen Dienst – aufgeführt worden ist. In der genannten Symposien-Reihe wurde 2013 bis 2015 ein Schwerpunkt auf Diplomatie gelegt (der Band soll 2016 erscheinen), und Suner selbst legte eine Studie zu „Opera and Diplomacy“ vor, die ebenfalls 2016 als Band der Reihe Ottomania publiziert werden soll – beide Bände werden zugleich die neue Publikationsserie Diplomatica eröffnen.

 

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Arno Strohmeyer, Professor am Institut für Geschichte der Universität Salzburg, stellte seinen methodischen Zugang einer Kulturgeschichte der Diplomatie vor: Entgegen der früheren ereignis-orientierten Diplomatie-Geschichtsschreibung arbeitet er mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz. Derzeit leitet er ein Projekt, in dem diplomatie- und medienwissenschaftliche Ansätze kombiniert werden. Es wird untersucht, durch welche Medien – Briefe, Relationen, Reiseberichte, Sefâretnâmes – die Korrespondenz erfolgt und Informationen zwischen Konstantinopel und Wien ausgetauscht werden. Besonders aufschlussreich ist dies, da das jeweilige Medium bestimmte Inhalte und deren Darstellung bedingt.
Elisabeth Lobenwein, ebenfalls vom Institut für Geschichte der Universität Salzburg, arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt zum Netzwerk der Diplomaten in Konstantinopel in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts aus, und möchte sich auf Diplomaten aus dem Heiligen Römischen Reich / Österreich, England, Frankreich und Venedig konzentrieren, um zu untersuchen, inwieweit interkulturelle Unterschiede festzustellen sind.
Sándor Papp, Professor an der Universität Szeged,  ist einer der renommiertesten ungarischen Forscher auf dem Gebiet der Diplomatiegeschichte. In einem langjährigen Projekt studiert Papp, wie Siebenbürgen als selbstständiger Staat aufgrund einer (gefälschten) Urkunde von Sultan Soliman I. gegründet werden und sich 120 Jahre lang halten konnte, woraus sich auch die Frage ergibt, wie die diplomatische Korrespondenz Siebenbürgens erfolgte.
Zsuzsanna Cziráki, Projektmitarbeiterin von Sándor Papp, ging auf ein konkretes Projekt ein, das in Kooperation mit der Universität Salzburg durchgeführt wird. Die grundsätzlichen Fragen sind: Wie funktioniert der Austausch zwischen Kulturen, welche Probleme treten auf und welche Strategien werden zu deren Lösung entwickelt? Die diplomatische Korrespondenz, deren Herausgabe in Ungarn eine lange Tradition hat, spielt hier eine bedeutende Rolle. Ediert werden die Materialien zum Diplomaten Simon Reniger (tätig 1649–1666). Ergebnis soll eine reichhaltige Datensammlung sein, deren Bedeutung weit über den engen Kreis der Diplomatie-Forschung hinausgeht. Über Informationen zur politischen Geschichte hinaus werden besonders im Bereich des Alltagslebens und des interkulturellen und interreligiösen Zusammenlebens neue Einblicke erwartet.
Gábor Kármán von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest und Organisator der 4. Konferenz des „Premodern Diplomats Network“ am 25. und 26. September 2015 in Budapest schloss seine Ausführungen an. Ein Projekt zur Publikation der Dokumente des Diplomaten Johann Rudolf Schmid zu Schwarzenhorn (1629–1643) ist beinahe abgeschlossen. Zusätzlich zur Edition und Kommentierung geht es um die Frage, wie ein christlicher Staat im Osmanischen Reich funktioniert. In einer Konferenz von 2009 wurde untersucht, wie die diplomatischen Beziehungen zwischen den einzelnen Ländern und dem Machtzentrum Konstantiniyye funktionierten (die Publikation erschien 2013). In einer weiteren Konferenz wurde heuer die Kommunikation der Länder an der Peripherie untereinander erörtert.
Tatjana Marković, am Don Juan Archiv Wien sowie der Universität für Musik und darstellende Kunst tätig, widmet sich in mehreren Projekten der Musikdramatik in Südosteuropa. Diese ist in vielfältiger Weise mit der Diplomatie verbunden. Einen Themenbereich stellen die Chormusik und ihre diplomatische Bedeutung dar, die in einem Projekt zu Banat und Vojvodina und einem anderen zur Beogradsko pevačko društvo (Belgrader Chor-Gesellschaft, gegründet 1853) untersucht wird. Ein weiteres Forschungsfeld bildet der Zusammenhang zwischen Oper und Selbstrepräsentation, den Marković anhand zweier höchst unterschiedlicher Länder untersucht, einerseits in einer Fallstudie zu Montenegro und dem Wirken des Diplomaten und Komponisten Dionisio de Sarno San-Giorgio, der ein Libretto des Prinzen (und späteren Königs) Nikola Petrović Njegoš I. vertonte, andererseits zu Katharina II. von Russland, die selbst Libretti verfasste.
Claudia Römer, Professorin am Institut für Orientalistik der Universität Wien, forscht zur osmanischen Diplomatik und damit verbunden zur osmanischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie zur Bürokratiegeschichte; als Linguistin des Osmanischen geht es ihr stets auch um Aspekte der Grammatik, insbesondere der Syntax und Stilistik. Sie interessiert sich für die handgeschriebene Übungsbücher, d. h. schriftlich ausgearbeitete Übungen oder teilweise auch Prüfungsarbeiten der Zöglinge der K.K. Akademie orientalischer Sprachen (1754 von Maria Theresia gegründet). Thomas Chabert, ein Autor einer Kurze[n] Anleitung zur Erlernung der türkischen Sprache für Militär Personen (Wien 1789) verfasste das erste Theaterstück im Osmanischen Reich: Hadgi Bektache ou la création des Janissaires. Drame en langue turque en trois actes / Hikâye-i ibda'-i Yeniçeriyan ba-bereket-i Pîr-i Bektaşiyan Şeyh Hacı Bektaş veli-i müsliman.
Luis Tercero Casado von der Universität Wien untersucht die Diplomatie zwischen den Höfen in Madrid und Wien im 17. Jahrhundert (1648–1659). Tercero Casado versucht nachzuweisen, dass das Ende des Dreißigjährigen Krieges zwar eine Zäsur darstellte, doch kein Ende bedeutete, sondern vielmehr eine Verwandlung der Beziehungen. Diese waren bis 1659 nicht so sehr auf einer Fortsetzung gemeinsamer dynastischer Politik fokussiert, jedoch auf eine intensive – allerdings verschleierte – militärische Kooperation gegen Frankreich, die die gegenteilige Erwartungen beider habsburgischen Höfe offenbar machte. Ein zweites Forschungsfeld stellt die Überprüfung der These eines Verschwindens der spanischen Monarchie von der europäischen Bühne der großen Mächte nach 1648 dar. Vielmehr förderte Westfalen, im Zusammenhang mit der Suche von Unterstützung und neuen Verbündeten, die Hervorbringung neuer, kreativer Lösungen in der spanischen Diplomatie („history of adaptation“).
Rocio Martínez Lopez, Gastforscherin an der Universität Wien, konzentriert sich auf die drei Kandidaten auf den Spanischen Thron nach dem Tod von Carlos II.  im Jahre 1700: Carlos’ Schwester Kaiserin Margarita, die erste Gattin von Leopold I., ihre Tochter Maria Antonia, verheiratet mit Maximilian II. Emanuel von Bayern, und ihr Sohn Joseph Ferdinand Leopold von Bayern. Wie beeinflusste diese Situation die diplomatischen Beziehungen zwischen Madrid und Wien resp. Bayern? Wer waren diese Frauen und welche Macht hatten sie? Bedeutende Quellen dafür sind die Briefe der Gesandten.
Laura Oliván Santaliestra, Gastforscherin an der Universität Wien, untersucht die kaiserlichen Botschafterinnen, d. h. die Gemahlinnen der Botschafter zwischen Madrid und Wien in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, während des Spanischen Erbfolgekrieges. Wie wurde von diesen Botschafterinnen „Weiblichkeit“ unter politischen und kulturellen Vorzeichen inszeniert?
Silvia Freudenthaler, Mitarbeiterin des Don Juan Archivs Wien, behandelte die Fragen, welche spanischen Stücke – vermittelt etwa durch Graf Ferdinand Bonaventura von Harrach, außerordentlichen Botschafter des Kaisers in Madrid – auf der kaiserlichen Bühne aufgeführt wurden. Welche Stoffe hatten wann Konjunktur? So wurde die Darstellung lächerlicher spanischer Figuren erst nach der Trennung = dem Aussterben der spanischen Linie im Jahr 1700 möglich; danach aber ist ein Boom von Don-Quijote-Stücken festzustellen. Zudem ist Freudenthaler an der Herausgabe der gesammelten Schriften von Saverio Franchi beteiligt, mit dem gemeinsam jenes obgenannte Projekt des DJA entstanden ist, das die „Fasti imperiali nella Roma papale“ behandelt.

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Für die allgemeine Diskussionsrunde hielt R. Eisendle ein Impulsreferat: Diplomatie stellt ein in einen zeremoniellen Kontext eingebundenes System von Zeichen dar, die von beiden Seiten verstanden werden müssen, damit der Austausch der Interessen funktionieren kann. Das führte im Laufe der Jahrhunderte zu einer Professionalisierung der Diplomatie, doch ist nicht von einer allgemeinen Entwicklung auszugehen, sondern eine Differenzierung unter historischen resp. geographischen und kulturellen Gesichtspunkten festzustellen.
Als Faktoren, welche diese Entwicklung beeinflussten, führte A. Strohmeyer vier an:
1. Theorie der Diplomatie, die in Handbüchern ausformuliert und offenbar auch rezipiert wurde.
2. Tradition, d. h. übernommene Vorgaben, wie etwa die Audienzen abliefen.
3. Praxis, d. h. die Reaktionen auf die Erfahrungen aus konkreten diplomatischen Akten.
4. Anthropologie, d. h. die Kenntnis der Gesten, Verhaltensweisen etc. des Gegenübers.
H. E. Weidinger betonte den theatralen Charakter der Diplomatie, den ein Vergleich einerseits mit der festgeschriebenen Texten der Commedia premeditata, andererseits mit der improvisierten Kunst der commedia dell’arte verständlich machen kann: die Rollen sind vergeben, die Ziele stehen vorab fest, und es gilt auf der Bühne der Diplomatie, auf die Reaktionen des Gegenübers einzugehen, eventuell den „Umweg“ zu wählen, wenn der direkte Weg verstellt ist, um sein Ziel zu erreichen. Es ist ein schauspielerisches Verhalten, das hier aber auch etwa beim Verfassen von Relationen, Briefen etc. an den Tag gelegt werden muss.
G. Kármán fügt hinzu, dass dieses Rollenspiel von großer Wichtigkeit war, damit es nicht zu einer Beleidigung des Gegenübers kam. R. Martínez Lopez und L. Tercero Casado betonten die Notwendigkeit, im Rahmen öffentlicher Auftritte in seiner Rolle zu bleiben und die vorgegebene Linie zu vertreten, doch gab es durchaus auch die Möglichkeit, einander abseits des offiziellen Zeremoniells zu begegnen – und „Umwege“ zu beschreiten.
T. Marković wies auf den Unterschied der diplomatischen Bemühungen der Großmächte im Vergleich zu kleinen Ländern hin, die auf eine ausgefeilte Diplomatie angewiesen waren; das reicht bis zur Absolvierung einer diplomatischen Mission in den Kleidern des Landes, dem die Botschaft galt. Wichtig ist die perfekte Kenntnis der Usancen des mächtigeren Landes. H. E. Weidinger ergänzte die Bedeutung eines komplexen diplomatischen Netzwerkes für kleine politische Einheiten; Ragusa hatte diesbezüglich aufgrund seiner Dragomanen einen besonderen Ruf.
Zum Abschluss brachte L. Tercero Casado das Gespräch auf Doppel-, Tripel und Quadrupel-Agenten durch seinen Hinweis auf eine Gesandtschaft aus Madrid nach Konstantiniyye (1649-1650), geführt von Allegretto Allegretti, einem Ragusaner Priester, der auch als Abgesandter des Kaisers in verschiedenen europäischen Missionen tätig war und auch einen Wohnsitz in Wien (am Graben) unterhielt. Eine nähere Untersuchung von Allegrettis diplomatischer Tätigkeit könnte Einblick in nicht wenige ansonsten separat untersuchte Zusammenhänge geben.

Letztes Update: 04.12.2015
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