Don Juan Archiv - Wien, Forschungsverlag

Osmanisches Reich & europäisches Theater

Die türkisch-osmanischen Agenden des Don Juan Archivs Wien

Matthias J. Pernerstorfer

 

Das Don Juan Archiv Wien, ein privates Forschungsinstitut zur Opern- und Theatergeschichte, widmet sich seit 2007 der Erforschung des kulturellen Austauschs zwischen dem Osmanischen Reich und den europäischen Staaten unter besonderer Berücksichtigung der Opern- und Theatergeschichte, organisiert seit 2008 Symposien in Wien und Istanbul und hat dieses Jahr seine erste Publikation zum Thema vorgelegt. Eine Präsentation.

 

Don Juan zählt gemeinsam mit Don Quichote, Faust und Hamlet zu den bedeutenden Figuren der europäischen Kulturgeschichte. Der große Betrüger und Verführer, der Normen überwindet und Grenzen überschreitet, ist eine Figur, die seit ihrem ersten Auftreten in der spanischen Dramenliteratur des frühen 17. Jahrhunderts die Menschen fasziniert und sich rasch über Italien und Frankreich in ganz Europa, später auch nach Übersee verbreitet. Ihre bedeutendsten (musik-)dramatischen Ausformungen findet der Don Juan Stoff in Molières Dom Juan ou le Festin de pierre [Don Juan, oder: Das Steinerne Gastmahl, Uraufführung Paris 1665] und in der ‚Oper aller Opern‘ Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni [Der bestrafte Wüstling, oder: Don Giovanni, Uraufführung Prag 1787] von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadé Mozart.

Don Juan / Don Giovanni besonders verfallen ist Hans Ernst Weidinger (* 1949), Eigentümer der Firmengruppe Hollitzer (gegründet 1849), Opernliebhaber und aktiver Theaterhistoriker. Mit dieser Kombination aus wirtschaftlicher Tätigkeit und kulturellem bzw. künstlerischem Engagement steht er in einer langen Familientradition: Carl Hollitzer war 1884 Gründungsmitglied des Vereins Carnuntinum und förderte in der Folge die archäologischen Ausgrabungen in Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg in besonderem Maße. Carl Leopold Hollitzer war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Maler, Bühnen- und Kostümbildner, Karikaturist und Kabarettist bekannt und legte die seinerzeit größte Waffen- und Uniformensammlung Europas an. Seine Tochter Lilly Hollitzer überquerte 1927 als erste Frau den Atlantik und gründete mit ihrem Mann Richard Dillenz die „Filmproduktion Wien“, deren Produktionen die legendäre Wien-Film-Ära mitprägten.

Hans Ernst Weidinger, der sich seit den 1970er Jahren der Geschichte des Don-Juan-Stoffes von ihrem Beginn bis zum Ende des 18. Jahrhunderts widmet, brachte 1986 in Regensburg den Don Giovanni in einer Bearbeitung zur Aufführung, gründete 1987 anlässlich des 200 Jahre Jubiläums der Uraufführung des Don Giovanni das Don Juan Archiv und präsentierte 2002 einen Teil seiner Forschungsergebnisse in Form einer 16-bändigen Dissertation mit dem Titel Il Dissoluto Punito. Untersuchungen zur äußeren und inneren Entstehungsgeschichte von Lorenzo da Pontes & Wolfgang Amadeus Mozarts DON GIOVANNI.

Um die Früchte dieser Sammel- und Forschungstätigkeit der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung zu fördern, wurde im zwanzigsten Jahr seines Bestehens, 2007, das bis dahin private Archiv unter dem Namen Don Juan Archiv Wien (www.donjuanarchiv.at) als theater- und kulturhistorisches Forschungszentrum mit Archiv und Forschungsbibliothek unter der Leitung von Michael Hüttler öffentlich zugänglich gemacht. Seit 2011 steht Matthias J. Pernerstorfer der Institution als Direktor vor.

Die stetig wachsende Sammlung umfasst derzeit ca. 20.000 Libretti und Dramendrucke, etwa 10.000 Theaterzettel und Programmhefte in Form von Originalen, Mikrofilmen und Digitalisaten, ferner an die 30.000 Bände Textausgaben und Forschungsliteratur sowie ca. 2.000 Tonträger. Zu den Besonderheiten dieser Sammlung zählt die einzige bekannte Abschrift der „teutsche Operetta“ Das Serail des Komponisten, Librettisten, Sängers und Kapellmeisters Joseph Friebert (1724–1799), die als Modell für Mozarts Zaide gedient hat und als Vorläufer der Entführung aus dem Serail angesehen wird.

Von Montag bis Freitag, 10 bis 15 Uhr, können nach Voranmeldung Forscherinnen und Forscher die Bestände in der Trautsongasse 6/6 im 8. Wiener Gemeindebezirk nutzen. Die institutionseigene Digitalisierungsabteilung versorgt das wissenschaftliche, aus Musik- und Theaterwissenschaft, Germanistik und Komparatistik stammende Team mit digitalen Materialien für die zahlreichen Projekte des Don Juan Archivs; gleichzeitig übernimmt es als Dienstleister auch externe Aufträge.

Durch zahlreiche Veranstaltungen – Don Juan Days, Symposien, Workshops und Konzerte – fördert das Don Juan Archiv den wissenschaftlichen und künstlerischen Austausch auf lokaler, regionaler wie internationaler Ebene. Zudem pflegt es allgemeine wie projektbezogene Kooperationen mit Forschungs- und Eigentümerinstitutionen sowie Wirtschaftsunternehmen im In- und Ausland, wobei Rom, Florenz, Salzburg, Brünn und Prag besonders wichtig sind – nicht zuletzt aber auch Istanbul, denn die Türkei bzw. das Osmanische Reich spielt in der Geschichte des Don Juan eine bedeutende Rolle.

Mit der Türkei ist das Don Juan Archiv nicht nur thematisch, sondern auch persönlich verbunden. Michael Hüttler, sein erster Leiter und heute Chef des Hollitzer Verlages, unterrichtete zwei Jahre lang an der Yeditepe Universität in Istanbul, und Suna Suner, die Hauptverantwortliche für die Symposien-Reihe „Ottoman Empire & European Theatre“ des Archivs, stammt aus Ankara und hat an der Istanbul Bilgi Universität gelehrt. Es ist deshalb kein Zufall, dass das Don Juan Archiv im Rahmen der Reihe „Ottoman Empire & European Theatre“ seit 2008 in Wien und Istanbul jährlich Symposien organisiert, bei denen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die wechselseitige Beeinflussung des Osmanischen Reichs und Europas in Kunst und Kultur mit besonderem Augenmerk auf Theater und Oper aufarbeiten. In den vergangenen sechs Jahren ist ein kontinuierlicher internationaler und interdisziplinärer Austausch entstanden. Bedeutende Vertreter des türkischen Kultur- und Wissenschaftslebens wie die Kunsthistorikerinnen Günsel Renda und Zeynep Inankur, der ehemalige Direktor des Topkapi Palast Museums İlber Ortaylı wurden zu Stützen des Symposien-Reihe, in deren Rahmen Forschende aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und den USA referierten. Wichtige Universitäten (Koc University, Galatasaray University, Marmara University) und Museen (Topkapi Palace Museum, Pera Museum) sowie das Centre for Islamic Studies trugen zum Gelingen der Symposien-Reihe bei.

Im Mai dieses Jahres wurde die erste, von Hans Ernst Weidinger und Michael Hüttler herausgegebene Publikation zu Ottoman Empire and European Theatre veröffentlicht. Der Band der Reihe behandelt The Age of Mozart and Selim III (1756–1808), ist mehr als 1.000 Seiten stark und im Hollitzer Wissenschaftsverlag als Band 1 der Reihe Ottomania erschienen. Die titelgebenden historischen Personen waren herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit: Mozart (1756–1791) als ein außergewöhnlicher Komponist, Sultan Selim III. (1756–1808) sowohl als weitblickender, moderner Herrscher wie auch als Komponist.

Inspiriert von der Struktur einer Oper sind die 44 Beiträge in acht Abschnitte eingeteilt: Ouverture, Prolog, Akte 1–5 und Epilog. Die Ouverture enthält ebenso die Eröffnungsreden von Diplomaten, Politikern und Forschern wie einen Text in Erinnerung an die türkische Primadonna Leyla Gencer (1928–2008). Der Prolog „The Stage of Politics“ gibt einen historischen Überblick über das Osmanische Reich und Europa im späten 18. Jahrhundert, sowohl aus türkischem als auch aus österreichischem Blickwinkel. Akt 1 macht „Diplomacy and Theatre“ zum Thema, Akt 2 führt den Leser nach „Europe South, West and North“. In Akt 3 wird das Theater in „Central Europe“ behandelt, wohingegen sich die Aufsätze von Akt 4 auf „Mozart“ und die Welt des Serails konzentrieren. In Akt 5 steht „Sultan Selim III.“ im Mittelpunkt, der Epilog behandelt die literarischen und theatralen Abenteuer des „Hero in the Sultan’s Harem“.

Die Arbeit an der Fertigstellung des zweiten Bandes der Reihe Ottomania unter dem Titel Ottoman Empire and European Theatre. Vol. II: The Time of Joseph Haydn (1732–1809). From Sultan Mahmud I to Mahmud II (r.1730–1839) läuft auf Hochtouren – der Band soll Anfang nächsten Jahres erscheinen.

 

Letztes Update: 19.02.2015